
Der Morgen begann hektisch. Ein tiefes, aggressives Knurren riss die Gruppe aus dem Schlaf. Mitten im Schlafsaal stand eine grosse, haarige, aber schlanke Gestalt, das Gesicht vor Schmerz verzerrt, sichtbar ausser sich. Wahkan öffnete nur eines seiner Augen und blickte schweigend durch den Raum, während Narek erst einmal zu begreifen versuchte, was überhaupt passiert war und die Gestalt als Lunella ansprach.
Das Ziel von Lunellas Zorn war schnell gefunden: Caelen.
Der junge Zauberer versuchte noch, die Situation zu erklären, verlor sich dabei aber rasch wieder in Eigenlob über die „hochwertige“ Magie, die er angeblich gewirkt hatte. Die in ihre Bestiengestalt verwandelte Lunella reagierte darauf wenig beeindruckt. Sie packte ihn am Kragen, hob ihn mühelos hoch und zwang ihn mit einem bedrohlichen Knurren schliesslich zu einer halb erstickten Entschuldigung.
Doch selbst das schien ihren Ärger nicht vollständig zu besänftigen. Sie liess ihn los, stapfte mit schweren Schritten durch den Schlafsaal und verschaffte ihrem Unmut lautstark Luft, ehe sie Caelen ein weiteres Mal packte und ihn kurzerhand durch die Tür nach draussen warf. Einen Augenblick später krachte die Tür so heftig ins Schloss, dass die Angeln ächzten.
Kazan schien die angespannte Stimmung eher als Einladung zu verstehen. Er wollte die Gelegenheit offenbar nutzen, um ein morgendliches Sparring mit der verwandelten Lunella zu beginnen. Selbst Wakhans trockener Zuruf, man solle ihr doch am Schwanz ziehen, reichte nicht aus, um die Situation weiter eskalieren zu lassen.
Irgendwann bemerkte Narek schliesslich einen Bewahrer im Raum. Dieser erwähnte lediglich einen Brief, welchen er Caelan übergeben hatte. Daraufhin wurde der junge Zauberer wieder ins Zimmer geholt, bevor er den Brief vorlesen sollte. Der Inhalt war knapp gehalten:
„Kommt nach oben, ich hab was für euch.“
Die Gruppe machte sich nach einer kurzen Vorbereitung auf den Weg zum Sprecher, Wahkan schloss sich ihnen beinahe unbekleidet an; sein Lendenschurz genügte ihm offenbar vollkommen.
Der Sprecher zeigte wenig Interesse an der Gruppe, die vor ihm stand, stattdessen erklärte er nüchtern den nächsten Auftrag. Die Gruppe solle die Stadt nach Norden verlassen und einen Friedhof aufsuchen. Ausserdem könne man bei Bedarf eine Taube schicken, um Verstärkung anzufordern.
Zurück im Schlafsaal warteten sie noch einige Zeit, bis Lunella sich wieder beruhigt hatte und in ihre normale Gestalt zurückkehrte. Kaum geschehen, verschwand sie im Badezimmer. Als sie später wieder herauskam, marschierte sie zielstrebig auf Caelen zu und verpasste ihm ohne ein Wort eine schallende Ohrfeige.
Erst danach entschied die Gruppe, sich vor dem Aufbruch noch ein ordentliches Mittagessen zu gönnen. Wahkan zog sich nun ebenfalls vollständig an und folgte den anderen nach oben. Narek erhielt wie versprochen eine Taube mitsamt hölzernem Käfig, während Kazan weiterhin Schwierigkeiten hatte zu verstehen, wie eine Taubennachricht überhaupt funktionieren sollte.
Die Gruppe nahm den Weg durch die oberen Viertel der Stadt. Die Hitze lag schwer über den Strassen und machte selbst den kurzen Marsch unangenehm. Für das Mittagessen lud Narek die Gruppe erneut ein.
Auf den Kauf von zusätzlichem Proviant verzichteten sie zunächst. Stattdessen zog die Gruppe weiter Richtung Norden. Unterwegs kaufte Caelen noch ein Buch mit dem Titel „Lügenschichten aus dem Märchenwald“. Wozu genau er es brauchte, blieb Wahkan allerdings unklar.
Kazan fragte schliesslich einige Lederwesten nach einem Friedhof im Norden. Diese erklärten jedoch, dass es innerhalb der Stadt keinen solchen Ort gäbe.
Da der Weg durch die weitläufige Stadt beinahe den gesamten Tag verschlang, entschied sich die Gruppe dazu, die Nacht noch in einem Gasthaus zu verbringen und erst am nächsten Morgen weiterzuziehen.
Im Schankraum spielte eine bunt zusammengewürfelte Truppe aus verschiedenen Kreaturen Musik. Während Wahkan sich entspannt auf die Klänge und seine Pfeife im Mundwinkel konzentrierte, versuchte Caelen einer der Tänzerinnen Informationen zu entlocken. Stattdessen erleichterte sie ihn, geschickt um einen Teil seines Geldbeutelinhaltes.
Später sammelte sich die Gruppe an einem freien Tisch. Es wurde gegessen, getrunken und der Abend zog sich bei mehreren Bieren weit in die Nacht hinein. Caelen versuchte erneut, Informationen zu sammeln, diesmal bei einer Schankmaid. Von ihr erfuhren sie schliesslich, dass der Weg an der alten Viehweide vorbei in Richtung des gesuchten Friedhofs führte. Früher seien dort vor allem arme Menschen begraben worden; inzwischen liessen die Reichen dort ihre prächtigen Gruften errichten.
In dieser Nacht widmete sich Wahkan den Sternen. Über Stunden beobachtete er die Bewegungen am Himmel und deutete daraus Zeichen für die kommenden Tage.
Mars, der rote Kriegsherr am Firmament, zieht dieser Tage mit schwerem Schritt durch das Haus des Mutes. Darum wird dein Herz rascher schlagen als die Trommeln vor einer Feldschlacht.
In den kommenden sieben Tagen sei wachsam gegenüber hitzigem Zorn. Ein scharfes Wort kann mehr Wunden schlagen als ein rostiges Schwert. Wo andere zaudern, wirst du jedoch den ersten Schritt wagen. Dies gereicht dir zum Vorteil bei Handel, Werben und Streitigkeiten kleinerer Natur.
Ein Fremder mit dunklem Mantel bringt Kunde oder Gelegenheit. Weise ihn nicht vorschnell fort. In seinem Beutel liegt mehr als Kupfermünze verborgen.
Zur Liebeskunst sprechen die Sterne zwiefach: Wer alleine am Feuer sitzt, könnte bald Blick und Hand mit einer Person teilen, deren Lachen heller klingt als Kirchenglocken im Frühling. Wer bereits gebunden ist, hüte sich vor Eifersucht, alldieweil Misstrauen wie Motten am Wollumhang nagt.
Dem Leibe rate ich: Trinke weniger Met und meide verdorbene Speisen aus zweifelhaften Tavernen. Der Mond steht ungünstig für Magen und Schlaf.
Am nächsten Morgen drohte Caelen der Gruppe auf eine merkwürdige Weise; wurde damit jedoch weitgehend ignoriert. Kurz nach Sonnenaufgang verliessen sie die Stadt.
Ausserhalb der Mauern fanden sie rasch die erwähnte Viehweide und folgten dem Weg weiter nach Norden. Bald erreichten sie den gesuchten Friedhof — eine weitläufige, ungeordnete Ansammlung aus alten Steinen, Gruften und vereinzelten Bäumen.
Die Gruppe begann vorsichtig mit der Erkundung. Caelen entdeckte schliesslich ein aufgewühltes Grab. Die Erde war zu einem grossen Hügel aufgeworfen, beinahe wie der Bau eines riesigen Maulwurfs. Gemeinsam überlegte die Gruppe, ob sich dort womöglich etwas selbst aus dem Grab befreit hatte.
Wahkan suchte nach Spuren, fand jedoch nichts, das auf kürzliche Aktivitäten hindeutete.
Während Wahkan und Kazan noch darüber sprachen, ob man eines dieser aufgeworfenen Gräber öffnen sollte, erwähnte Lunella, dass sie bereits mehrere solcher Hügel gesehen habe.
Kurz darauf näherte sich ihnen ein Mann in dunklem Mantel.
Wahkan erinnerte Lunella dabei an seine Sterndeutung der vergangenen Nacht und meinte, sie solle vielleicht einmal einen Blick in die Taschen des Fremden werfen, falls dieser sich verdächtig verhalte.
Der Mann sprach die Gruppe freundlich an und versuchte beinahe sofort, ihnen eine Gruft zu verkaufen. Immer wieder warnte er vor Grabschändern, wilden Tieren und dunklen Ritualen. Schliesslich stellte er sich als Priester vor, der in der Nähe lebte und die Gräber mit passenden Riten schütze und ehre.
Zwischen seinen Worten schwang jedoch immer wieder etwas Unangenehmes mit. Mehrfach sprach er von einer „dunklen Person“ dort oben und formulierte seine Warnungen auf eine Weise, die sich beinahe wie versteckte Drohungen anhörten, bevor er die Gruppe auf dem Friedhof zurück lässt.



