Wildkatze

•

Der Weg zurück zum Schlachtfeld war still. Lunella war wieder soweit zusammen geflickt, dass sie selbst laufen konnte, aber unter Schmerzen.

Noch immer lag der Geruch des Kampfes über dem Ort. Wo einst eine Handelskarawane gezogen war, herrschte nun nur noch Verwüstung. Ein gewaltiger Schreckenstiger, zwölf Meter gross und von beinahe unvorstellbarer Stärke, hatte die Händler überfallen und ihre Reise in ein Blutbad verwandelt.

Kazan, Wahkan, Narek und Lunella beschlossen, die Toten nicht einfach der Wildnis zu überlassen.

Gemeinsam durchsuchten sie die Überreste der Karawane. Vieles war zerstört oder für sie von geringem Wert. Zwischen den Trümmern fanden sie Kupferfelle, eingelegte Lebensmittel und andere Waren, die den Angriff teilweise überstanden hatten. Doch schliesslich stiessen sie auf etwas, das ihre Aufmerksamkeit weckte: ein kleines Kästchen mit Dokumenten.

Sie wussten nicht, welche Bedeutung die Papiere besassen, doch allein die Tatsache, dass jemand sie sorgfältig verwahrt hatte, liess sie wichtig erscheinen. Also beschlossen sie, das Kästchen nach Dippi zurückzubringen. Auch das Geld der Händler, ihren Schmuck und andere Gegenstände, die bei der Identifizierung der Verstorbenen helfen konnten, legten sie dazu.

Dann begannen sie zu graben.

Ein Massengrab entstand in der Erde, tief genug, um die Gefallenen vor der Wildnis zu schützen. Kazan jedoch wollte, dass die Toten nicht einfach verschwanden. Einer nach dem anderen gab er den Verstorbenen eine Waffe in die Hand. Sie waren in einem Kampf gefallen. Und wie Krieger sollten sie beigesetzt werden. 

Für Kazan war dies mehr als eine Geste. Es war eine Ehrerweisung an Tartos, den Gott des Krieges, dem er seine Treue geschworen hatte. Wer im Kampf fiel, sollte mit einer Waffe begraben werden.

Als der letzte Körper in der Erde lag, kehrte eine bedrückende Ruhe ein.

Die vier machten sich auf den Weg zurück zu ihrem riesigen Mammut. Manny steckte noch immer zwischen den Bäumen fest. Neben ihm hatte Alex, sein Gefährte und ihr Führer, ein kleines Lager errichtet. Das Tier war noch immer so verängstigt, dass es sich nicht bewegen wollte. Also blieb ihnen nichts anderes übrig, als zu warten.

Alex bereitete ein einfaches Lager vor, während die Gruppe beschloss, die Nacht bei Manny zu verbringen.

Kazan jedoch zog sich für sein Ritual zurück. Er liess den vergangenen Kampf noch einmal vor seinem inneren Auge vorüberziehen. Die Gewalt. Die Gefahr. Den Augenblick, in dem er Tartos‘ Gegenwart gespürt hatte. Die Kraft, die ihm sein Gott verliehen hatte.

Doch diesmal blieb Kazan nicht allein. Denn seine Rituale waren mit der Sphäre des Todes verbunden.

Einer nach dem anderen erschienen die letzten Abbilder der acht Verstorbenen. Keine mächtigen Geister, keine Erscheinungen von grosser Furcht. Es waren vielmehr die letzten Gedanken der Toten, die in Kazans Nähe Gestalt angenommen hatten.

Und sie erzählten ihm von Dingen, die kaum von Bedeutung zu sein schienen.

Von einem Hund, der zu Hause auf seinen Besitzer wartete.

Von einer Familie, die noch nicht wusste, dass ihr Vater niemals zurückkehren würde.

Von kleinen Dingen des Lebens, die für einen Toten plötzlich alles bedeuteten.

Als Kazan schliesslich zum Lager zurückkehrte, wartete dort bereits eine dampfende Suppe auf ihn. Alex hatte für alle gekocht.

Eine Weile schwieg Kazan und dachte über das Erlebte nach. Dann erzählte er den anderen von den Besuchern seines Rituals.

Wahkan und Lunella hörten aufmerksam zu. Vielleicht, so vermuteten sie, waren es nicht einfach nur die letzten Gedanken der Verstorbenen gewesen. Vielleicht waren es ihre letzten Wünsche. Und vielleicht lag es nun an ihnen, diese Wünsche zu erfüllen.

Bevor sie jedoch entscheiden konnten, was zu tun war, begann es zu regnen.

Ausgerechnet nachdem Alex kurz zuvor noch gesagt hatte: „Zum Glück regnet es nicht.“ Der Himmel schien seine Worte als Herausforderung verstanden zu haben.

Bald prasselte der Regen auf das Lager nieder.

Lunella, Narek und Kazan fanden gemeinsam Platz in einem kleinen Zelt und konnten sich zumindest grösstenteils vor der Nässe schützen. Wahkan hingegen hatte mit seiner gewaltigen Taurengestalt keine Chance. Für ihn war jeder verfügbare Unterstand schlicht zu klein.

So verbrachte er die Nacht im Regen.

Irgendwann in der Dunkelheit geschah schliesslich das, worauf alle gewartet hatten.

Manny löste sich aus den Bäumen.

Zunächst vorsichtig, dann immer sicherer, setzte sich das gewaltige Tier in Bewegung. Die Angst war verflogen. Bald begann es, seelenruhig zu fressen, als wäre nichts geschehen.

Der Morgen brachte jedoch keine Besserung. Der Regen fiel noch immer. Wahkan war inzwischen vollständig durchnässt und hatte offenbar genug davon, weshalb er die anderen weckte. Gemeinsam beluden sie Manny und befestigten die Körbe an seinen Seiten.

Die Körbe hingen rechts und links am gewaltigen Tier wie Gondeln und boten den Reisenden einen erstaunlich bequemen Platz. Über Kazan, Lunella und Narek spannte sich jeweils eine kleine Plane, die sie zumindest einigermassen vor dem unablässigen Regen schützte.

Nur Wahkan hatte erneut Pech. Für einen Tauren seiner Grösse war selbst dieser Korb zu klein.

Und so begann ihre Reise durch den verregneten Wald.

Stundenlang zogen sie durch die nasse Wildnis. Der Regen prasselte auf die Planen, Wasser rann über die Blätter und verwandelte den Boden unter Mannys Füssen in Schlamm. Die Landschaft zog langsam an ihnen vorbei, während keiner von ihnen besonders viel sprach.

Erst am Abend erreichten sie eine Lichtung.

Sie machten Halt und entluden Manny. Während die anderen sich um das Lager kümmerten, zog Kazan seine Kleidung bis auf die Unterkleider aus und begann mit seinem Training. Trotz des Regens und der Erschöpfung bewegte er sich mit der konzentrierten Ruhe eines Kriegers, der seinen Körper ebenso schärfte wie seinen Geist.

Lunella dagegen entfernte sich ein Stück von der Gruppe, um sich zu erleichtern. Doch kaum war sie einige Schritte gegangen, blieb sie stehen. Da war etwas. Ein Gefühl. Ein Blick, der auf ihrem Rücken zu liegen schien.

Lunella drehte sich um.

Zwischen den Bäumen war nichts zu erkennen. Dennoch liess sie das Gefühl nicht los.

Als sie zur Gruppe zurückkehrte, fragte sie Kazan, Narek und Wahkan, ob einer von ihnen ihr gefolgt sei.

Keiner hatte es getan.

Keiner hatte sie beobachtet.

Zumindest behaupteten sie das.

Lunella war misstrauisch geworden und beschloss den Ursprung zu finden.

Wenn etwas im Wald war, würde sie es finden.

Sie schloss die Augen, atmete tief ein und liess die Verwandlung über sich ergehen. Knochen und Muskeln veränderten sich, ihr Körper wurde grösser, geschmeidiger und lautloser.

Wo eben noch Lunella gestanden hatte, stand nun die Werkatze, ein wahres Monster.

Und mit den geschärften Sinnen einer Jägerin verschwand sie zwischen den Bäumen, um herauszufinden, wer oder was sie beobachtet hatte.

Eine Stunde verging.

Dann noch eine.

Lunella war noch immer nicht zurückgekehrt.

Die drei warteten am Lager und lauschten in die Dunkelheit. Doch der Regen war inzwischen so laut, dass selbst ein Ruf aus unmittelbarer Nähe kaum zu hören gewesen wäre. Nach ihr zu suchen erschien unter diesen Bedingungen sinnlos. Der Wald war von Finsternis verschluckt, der Boden aufgeweicht und jeder Schritt wurde vom prasselnden Regen übertönt.

Wahkan versuchte schliesslich, ihnen mit einem Feuerritual zu helfen.

Normalerweise hätte sein Körper dabei wie ein lebendes Leuchtfeuer gebrannt und die Umgebung in warmes Licht getaucht. Doch der unablässige Regen erstickte die Flammen, kaum dass sie entstanden waren. Statt eines hellen Feuers erhob sich nur ein dichter Schleier aus Wasserdampf um den Tauren.

Auch das half ihnen nicht. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als zu warten.

Vielleicht würde Lunella von selbst zurückkehren. Schliesslich war sie eine Katze. Und Katzen kamen manchmal einfach zurück, wenn ihnen danach war.

Lunella schlich ums Lager herum, die Augen in den Wald gerichtet. Plötzlich sah sie etwas, das sich im Unterholz bewegte. Ihr Instinkt übernahm und sie nahm die Verfolgung auf. Sie schaffte es nicht, ihr Ziel zu fangen, wurde aber von ihm zu einer Höhle geführt. Einer Höhle, in der dem Geruch nach zu urteilen etwas lebte (vermutlich ein Tier), in der es aber so finster war, dass Lunella selbst mit ihrer Dunkelsicht nichts erkennen konnte.
Sie traf den Entschluss, zu ihren Freunden zurückzukehren, wäre da nicht ein Problem. Sie hatte keine Ahnung, wo sie war. Der Wald da überall gleich aus und, dank des Regens, roch auch überall gleich. Sie sah absolut keine Chance zurückzufinden, ohne Gefahr zu laufen, sich noch mehr zu verlaufen. So beschloss sie, dort in der Nähe der Höhle zu warten. Entweder auf das Ende des Regens oder den Tagesanbruch. Vielleicht auch darauf, dass ihre Freunde sie suchten und fanden.
Ausser dass zwischendurch ein seltsamer Nebel aufstieg der Lunella auf einen Baum klettern liess, passierte für mehrere Stunden überhaupt nichts. So wartete sie die ganze Nacht in ihrer Katzengestalt. So lange war sie noch nie zuvor verwandelt geblieben und mit der Zeit spürte sie in sich eine Veränderung. Der menschliche Teil in ihr rückte mit jeder Stunde mehr und mehr in den Hintergrund, bis zu Beginn der Morgendämmerung, ihre tierische Seite die Oberhand gewann.
Von ihren Instinkten geleitet, verliess sie ihren Beobachtungsposten und folgte einem schlichten Bedürfnis. Hunger! Als sie auf der Suche nach Futter durch den Wald schlich, spürte sie zum ersten Mal wirklich den Jäger in sich. Ihre Augen, ihre Nase, ihre Ohren, alle ihre Sinne waren so viel schärfer. Es war ein unglaublich befreiendes Gefühl. All ihre Sorgen waren vergessen. Die Vergangenheit und Zukunft waren unwichtig. Es zählte nur das Jetzt!
Sie spürte eine Gruppe Rehe auf und erlegte eines davon. Dabei durchströmte sie ein Gefühl von Macht und eine Befriedigung, wie sie sie zuvor noch nie gespürt hatte.
Nachdem ihr Hunger gestillt war, trat ein neues Gefühl in den Vordergrund. Schlaf! Schutz! Sie begab sich zurück zu der Höhle, vertrieb welches Geschöpf auch immer darin lebte und legte sich schlafen. Sie fühlte sich sicher. Als könnte niemand ihr etwas anhaben. Diese Höhle, dieser Wald gehörten ihr.

Die Nacht verging.

Als der Morgen graute, war Lunella noch immer verschwunden. Nun konnten sie nicht länger warten.

Kazan, Wahkan und Narek berieten sich über das weitere Vorgehen. Schliesslich beschlossen sie, den Wald systematisch abzusuchen. Sie würden das Lager in immer grösser werdenden Spiralen umrunden und dabei nach jeder Spur Ausschau halten.

Alex sollte währenddessen ein möglichst grosses Feuer entzünden. Eine gewaltige Rauchsäule sollte ihnen als Orientierung dienen, damit sie im dichten Wald den Weg zurück zum Lager finden konnten.

Die drei machten sich auf. Sie suchten schweigend und aufmerksam jeden Winkel ihrer Umgebung ab. Als ihnen nach einiger Zeit ein starker Geruch in die Nase stieg. Sie folgten dem Geruch von Fleisch und Blut und rechneten mit dem Schlimmsten.

Nach einiger Zeit blieben sie stehen. Vor ihnen lag ein Rehkadaver.

Das Tier war offensichtlich erst vor kurzer Zeit getötet worden.

Wahkan kniete sich hin und untersuchte die Spuren rund um den Kadaver. Seine Finger glitten über den aufgeweichten Boden, während sein Blick jede einzelne Vertiefung musterte.

Schliesslich erkannte er etwas Seltsames. Ein Wesen hatte sich auf zwei Beinen dem Reh genähert. Dann hatte es das Tier zerfetzt. Und anschliessend hatte es sich auf vier Beinen entfernt.

Die drei sahen einander an. Lunella war verschwunden. Und irgendetwas hatte gerade ein Reh zerfleischt. Vielleicht war es Zufall. Vielleicht auch nicht.

Sie folgten den Spuren. Immer tiefer führte die Fährte in den Wald, bis sie schliesslich vor einer Höhle endete. Von dort aus schien das Wesen gekommen zu sein und die Spuren führten wieder hinein. Die Möglichkeit, dass Lunella dort drinnen war, konnten sie nicht ignorieren. Vielleicht hatte sie sich in der Höhle versteckt. Vielleicht war sie dem Wesen gefolgt. Oder vielleicht war das Wesen selbst Lunella.

Wahkan wollte die Höhle untersuchen, doch bereits am Eingang war klar, dass er mit seiner gewaltigen Gestalt nicht hineinpassen würde. Also steckte er lediglich seinen Kopf hinein. Dann entzündete er mit seiner Magie sein gutes Horn. Das Horn begann zu leuchten und warf ein unnatürliches Licht in die Dunkelheit.

Kazan und Narek betraten die Höhle.

Zunächst sahen sie nichts. Dann bewegte sich etwas im hinteren Teil. Zwischen verwildertem Gestrüpp lag eine nackte Frau. Ihr Körper war schmutzig, ihre Haare völlig zerzaust. Sie wirkte weniger wie ein Mensch, der in einer Höhle Schutz gesucht hatte, und mehr wie jemand, der schon viel zu lange in der Wildnis lebte.

Doch etwas anderes liess die beiden sofort innehalten. Ihr Bauch war unnatürlich stark gedehnt. Erst bei genauerem Hinsehen und überlegen wussten sie wodurch.

Ein halbes Reh steckte in ihrem Bauch.

Kazan und Narek wussten nicht, was sie sagen sollten.

Die Frau bewegte sich. Langsam öffnete sie die Augen. Dann fauchte sie. Ein tiefes, warnendes Zischen hallte durch die Höhle. Sie zeigte die Zähne und machte deutlich, dass sie die beiden Eindringlinge nicht in ihrer Nähe dulden würde.

Kazan blieb stehen. Narek ebenfalls.

Keiner wusste, ob ein weiterer Schritt sie zum Angriff treiben würde.

Dann begann Narek zu reden. Nicht laut. Nicht drohend. Einfach nur ruhig. Er erinnerte sie daran, wer sie war.

Lunella.

Nicht irgendein Tier.

Nicht irgendeine Bestie.

Er erinnerte sie an Dippi. An die Kinder dort. An all jene, die auf ihre Hilfe angewiesen waren.

Er erzählte ihr von ihren vergangenen Abenteuern. Von den Dingen, die sie gemeinsam erlebt und überstanden hatten. Von der Stadt, die sie noch brauchte.

Und immer wieder sprach er zu ihr, als wäre sie noch immer da.

Als wäre unter dem Schmutz, den Instinkten und der Wildheit noch immer Lunella.

Es dauerte lange. Doch irgendwann veränderte sich etwas in ihrem Blick. Das Fauchen wurde leiser. Die Anspannung wich langsam aus ihrem Körper.

Und schliesslich kam Lunella wieder zum Vorschein.

Nicht plötzlich. Nicht wie eine Verwandlung, die einfach rückgängig gemacht wurde.

Es war vielmehr, als würde sie selbst aus den Tiefen ihrer tierischen Instinkte zurückkehren.

Kazan und Narek halfen ihr nach draussen. Gemeinsam brachten sie sie zurück zum Lager.

Lunella war wieder sie selbst. Zumindest grösstenteils. Denn etwas hatte sich verändert.

Sie hatte sich nicht vollständig in dem Tier verloren. Sie hatte den Weg zurückgefunden. Doch nun wusste sie etwas, das sie vorher nicht gewusst hatte.

Sie hatte die Freiheit gespürt. Die Freiheit, alle Grenzen abzulegen. Nicht mehr darüber nachzudenken, wer sie sein sollte. Nicht mehr zu kämpfen. Nicht mehr zu kontrollieren. Einfach nur dem Tier in ihr nachzugeben.

Und diese Freiheit würde ihr von nun an für immer offenstehen.

Vielleicht war genau das der gefährlichste Teil daran.

Denn nun wusste Lunella, wie es sich anfühlte, loszulassen.

Und ein Teil von ihr würde sich immer daran erinnern.