Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

Nachdem die Gruppe gerade erst in die Konklave zurückgekehrt war und sich beim Sprecher gemeldet hatte, schickte dieser sie direkt wieder los, um die Frau mit den kalten Augen zu treffen, die sie damals beim Leuchtturm gesehen hatten. Ausserhalb der Konklave gingen die vier die Treppen wiederholte Male hoch. Die Lederwesten standen wie immer auf ihren Posten und grüssten stets mit einem Nicken. In der Oberstadt angekommen, machten sich die vier auf den Weg zum Steifen Hahn, wo sie die Frau erwartete.

Im Steifen Hahn angekommen, bestellte Narek vier Bier, und Wahkan ging kurz raus, um die Schulden wegen des geliehenen Pferdes zu begleichen. Nach ein paar Minuten kam er zurück und brachte Lunellas und Kazans Rucksäcke mit. Zudem hatte ihm der Stallbursche gesagt, dass die Frau wohl schon wieder weg sei. Also bestellte Narek erst einmal Mittagessen für die Gruppe, damit sie sich danach ganz gemächlich auf den Weg zum Friedhof machen konnten.

Kurz vor Einbruch der Nacht konnten sie noch das Nordtor passieren. Der Friedhof lag nach einiger Zeit dunkel und ruhig vor ihnen. Die Gruppe ging langsam in Richtung Mitte des Friedhofs. Nach einiger Zeit sah man schon Kerzenschein aus der Krypta kommen. An der mittleren Krypta angekommen, sah Narek einen Schatten an der Seitenwand der Krypta stehen. Offensichtlich ein Mensch, der sich nicht bewegte. Er ging erst einmal um die Krypta herum, um sich ein besseres Bild der Lage zu verschaffen.

Als er in die Krypta hineinblickte, sah er einen Mann, der mit der Stirn gegen die Tür gelehnt dastand. Zwei weitere schienen in der Krypta auf dem Schutt zu liegen, regungslos und ohne Geräusche. Kurz danach tauchte die Frau mit dem kalten Blick auf. Nach einem kurzen Hin und Her, wer hier bleiben und dafür sorgen sollte, dass keiner nach unten in die Krypta ging, blieb die Frau zurück, und die Gruppe ging langsam die dunkle Treppe hinab.

Unten angekommen, standen alle erst einmal baff da und waren von den Ausmassen der unterirdischen Krypta perplex. Sie war gross genug, dass Wahkan aufrecht stehen konnte, und breit genug, dass zwei Leute locker nebeneinander laufen konnten. Die Decke war mit Bildern von Weiden und Tieren geschmückt, lebhafte Bilder, vermutlich um den Toten einen schönen Anblick zu geben. Der Gang teilte sich nach links, rechts und geradeaus. Narek entschied sich für links, da vermutlich eh alles abgelaufen werden musste. Doch bevor es losging, musste Narek wieder einmal Lunella ausziehen. Diesmal nur bis auf die Unterkleidung.

Als es dann endlich losging, führten immer wieder Gänge links und rechts ab. Nach gefühlten Stunden kamen sie an einer Treppe an, die weiter nach unten führte. Die Treppe sah jedoch filigraner aus. Geländer in Stein gemeisselt, genauso wie die Treppe selbst. Die Bilder an der Decke waren hier anders. Narek hätte sie am ehesten als Leichenprozessionen beschrieben. Also komplett weg von den frohen und schönen Bildern.

Als Narek nach unten trat, ergab sich ein komplett anderes Bild. Hier gab es pro Seite zwei Alkoven, die jedoch mit einer Steinplatte verschlossen waren. Nicht wie oben, wo die Leichen in drei offenen Alkoven übereinander und mumifiziert lagen. Hier unten waren die Bilder wieder anders. Nicht wie oben gemalt, sondern eher wie Runen in die Decke geritzt. Es könnten auch heilige Gebete, gute Wünsche für die Nachwelt oder Schutzrunen gewesen sein. Damit kannte sich leider keiner aus.

Nachdem sie sich kurz umgesehen hatten, beschloss Lunella, sich komplett auszuziehen und sich zu verwandeln. Die Gruppe ging weiter. Hier unten war der Aufbau anders, eher wie ein Säulenraum, in dem jede Säule auf jeder Seite zwei Alkoven hatte. In etwa drei mal drei Schritt pro Säule. Doch auf einmal hörte man etwas kriechen. Hm, wohl eher schleifen. Es kam näher, und als es in den Lichtschein der Fackel trat, sah man es. Einen menschlichen Oberkörper mit Kopf und zwei Armen, dessen Unterleib komplett fehlte, bis auf die Gedärme, die dieses Wesen hinter sich herzog. Kazan zögerte nicht lange und zerquetschte einfach den Kopf dieses Wesens.

Als Narek sich das Wesen genauer anschaute, fiel ihm auf, dass die ehemalige Person unter der zerfetzten Kleidung lauter Bisswunden aufwies. Menschliche Bisswunden, als wäre ihr Unterkörper gefressen worden. Narek sagte Lunella, dass sie der Spur des Wesens folgen sollten. Irgendwer musste dem Wesen das angetan haben. Und so ging es weiter.

Nach einiger Zeit kamen die vier an den vermutlichen Resten des Wesens an. Jedoch endete die Blutspur hier. Narek teilte mit, dass es zu wenig Blut und nur ein paar Knochensplitter waren. Dies konnte nicht der Rest des Wesens sein. Nach der Untersuchung hörte man nach einiger Zeit ein Hopsen. Als die vier in die Richtung gingen, sahen sie ein erschauerndes Bild. Ein weiteres Wesen, das vermutlich mal ein Mensch gewesen war, hatte nur noch einen Kopf, den halben Torso und ein Bein. Es hopste auf sie zu und stützte sich immer wieder an den Säulen ab.

Lunella hielt Kazan zurück. Ihr war etwas an dem Wesen aufgefallen. Die Augen waren nicht die, die man bei einem Wesen dieser Art erwarten würde. Sie waren intelligent. Zu intelligent. Als Narek das auch auffiel, ging er auf das Wesen zu. Dieses sprang auf ihn. Narek versuchte, es am Hals zu fassen, hielt das Wesen jedoch plötzlich mit seiner Hand in dessen Mund. Es biss zu. Schmerzhaft, aber nicht so stark, dass es nicht auszuhalten gewesen wäre. Als Narek anfangen wollte, mit dem Wesen zu sprechen, schlug Kazan dem Wesen den Schädel ein.

Nach einer kurzen Absprache erläuterte Narek, dass diese Wesen ihnen vielleicht den Weg zeigen könnten und dass sie eins fangen sollten. Woraufhin Wahkan einen lauten Ruf ausstiess und man aus allen Richtungen Geräusche hörte. Sie gingen weiter auf eines der Geräusche zu, blieben dann aber kurz stehen. Von der Seite näherte sich ein Wesen, das nur noch aus Kopf und Wirbelsäule bestand. Wahkan nahm es hoch, und Narek unterhielt sich kurz mit diesem Wesen. Es konnte nicht reden. Es klapperte nur mit den Zähnen. Jedoch konnte es mit den Augen eine Richtung zeigen, in die die Gruppe dann weiterging.

Wenige Zeit später kamen sie an einer Treppe an, die weiter nach unten führte. Von unten hörte man Gemurmel. Dieses Wesen hatte offensichtlich Angst, nach unten zu gehen, und wollte weg aus Wakhans Hand.

Nachdem die erste Treppe leise herabgestiegen war, sah man weiter vorne eine Abzweigung, aus der Licht fiel. Erst schlich Lunella vor und kam dann zurück. Jedoch war Pantomime nicht so ihre Stärke. Dann schlich Narek vor und wagte einen kurzen Blick in den Raum. Eine weitere Treppe führte nach unten. Dort standen zwei Dutzend vermutlich menschliche Gestalten in Roben. Einer, der wie ihr Anführer aussah, stand in der Mitte des Raumes. Dort befand sich auch ein Kristall. Die Personen sahen aus wie Kultisten, jedoch machten sie unterschiedliche Dinge. Manche standen nur herum, andere unterhielten sich, wieder andere schliefen.

Narek schlich zurück, um diese Informationen mit den anderen zu teilen. Der Plan sah vor, leise die Treppe runterzugehen und sich dann um die Kultisten zu kümmern. Lunella schlich vor. Kazan ging hinterher, der superleise mit seinem Schlagring über das Steingeländer der Treppe schliff und den Angriff laut ankündigte. Die Reaktion darauf war, dass der offensichtliche Anführer Befehle brüllte und sich alle Kultisten umdrehten.

Dann begann der Kampf. Der Anführer verwandelte sich in Nebel, bevor Kazan ihn schlagen konnte. Nach einem kurzen Atemduell, das Kazan gewann, schlug Kazan fleissig auf die Kultisten ein, die bei näherer Betrachtung Masken trugen. Wahkan spielte auf seinem Didgeridoo, und Lunella sprang in die Kultisten und fing an, diese zu zerfleischen. Narek lief zu Kazan, um ihm mit dem Nebel zu helfen. Jedoch war der Nebel selbst mit Magie nicht angreifbar. Als die Situation nicht so gut lief, sprang Lunella hoch, nahm den Kristall und zerschmetterte ihn auf dem Boden.

Danach war Stille. Ein Wesen, schwarz wie die Nacht, mit einem Umhang aus tausend Gesichtern, stieg aus dem Boden empor und bewegte sich in Richtung der Kultisten. Die Kultisten und der Nebel ergriffen schlagartig die Flucht und rannten in Richtung Treppe aus dem Raum. Kazan schlug weiter auf die Kultisten ein, bis diese nicht mehr aufstanden. Das Wesen schwebte zum ersten Kultisten, griff in ihn hinein, zog einen silbernen Faden heraus und durchtrennte ihn. Der Kultist brach direkt leblos zusammen. Die Gruppe sammelte sich wieder, bis auf Kazan, der fleissig weiter weglaufende Kultisten tötete. Das Wesen folgte den Kultisten. Sie verschwanden die Treppe hinauf. Narek beschloss, dass es nun Zeit war, die Krypta zu verlassen, da die Arbeit getan war.

Die Treppe hinaufsteigend, war es offensichtlich nicht schwer, den Weg zum Ausgang zu finden. Tote Kultisten pflasterten den Weg. An der letzten Treppe angekommen, stand das Wesen oben vor ihnen. Als Narek voran nach oben ging, kam das Wesen langsam auf ihn zu und starrte ihn an, es wirkte Fordernd, wie als würde der Tod selbst auf ihn herab starren. Narek schauderte und kniete sich hin, und gab ihm mit Zitternden händen das Buch, in der hoffnung das es das war, was dieses Wesen wollte. Zwei schwarze, wabernde Hände kamen aus dem Wesen und griffen nach diesem Buch.

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