Leuchtturm, Sonne, Kazan

Nach unserem kurzen Einkauf auf dem Markt gingen wir Richtung Norden. Einmal quer durch die Stadt, vorbei an belebten Strassen und Kutschen, im Vergleich zu den Slums ist das hier wie das Paradies. Keiner hat Hunger, bei keinem regnet es ins Haus, keine Angst, in der nächsten Gasse abgestochen zu werden. Es gibt sogar so etwas wie offene Küchen: ein Ort, wo man sich hinsetzen kann, an einen Tisch, und man Mittagessen gebracht bekommt.

Nach einer Ewigkeit kamen wir an der Stadtmauer von Dippi mit ihrem grossen offenen Tor an.

Unzählige Menschen, sei es zu Fuss oder auf einer Kutsche, strömen in die Stadt und verlassen sie, vorbei an Wachen, die sowohl innen als auch ausserhalb am Tor Wache stehen. Ausserhalb des Tors steht ein Tisch mit einer Wache und einer Menge Münzen. Viele Kutscher, die mit ihrer Kutsche in die Stadt wollen, steigen ab, gehen zu diesem Tisch und geben einen Teil ihrer Münzen an den Wachmann ab. Die meisten Fussgänger, sei es rein oder raus aus Dippi, werden meist nur beäugt, müssen aber keine Münzen zahlen. Nachdem wir diese Schlange nach draussen passiert hatten, sind wir ein Stück weiter Richtung Norden gegangen, an einer Kreuzung vorbei, an der Kutschen weiterhin auf die Einreise nach Dippi warten.

An der Kreuzung konnten wir entweder nach Norden oder nach Westen gehen. Nach kurzem Überlegen sind wir Richtung Westen, Richtung Küste, gegangen. Nach etwa einer Stunde holten wir offensichtlich zwei Fischer, einen Mann und eine Frau, ein, erkennbar an ihrer Kleidung und den Körben auf ihren Rücken. Als ich den Mann angesprochen habe, schrie er vorerst angsterfüllt, vermutlich kommen so gut gekleidete Leute selten zu Fuss auf diesen Weg. Nach ein bisschen gutem Zureden erzählte der Mann mir jedoch, dass dies der Weg zum alten Leuchtturm sei, jedoch spuke es dort. Ich bedankte mich, und wir gingen weiter.

Auf dem Weg spielten Dru und Lunella ein Spiel: Wer kann dem anderen die meisten Steine in die Tasche schmuggeln? Drus Opfer war Kazan und Lunellas Opfer war Stephanos. Ob Stephanos es wirklich nicht mitbekommen hat oder ob er, weil es Lunella ist, nichts gesagt hat, weiss ich bisher nicht.

Jedoch ist es Kazan aufgefallen, dass Dru ihre Hand in seine Tasche gesteckt hat. Als er sie dabei erwischt hatte, und sie an Ihrem Handgelenk festhielt, brachte sie die Ausrede, dass eine Spinne ihm die Steine in die Tasche getan habe. Wider Erwarten glaubte Kazan diese offensichtliche Lüge und bedankte sich bei Dru. Das Gespräch ging damit weiter, dass Kazan fragte, was Dru als Kind überhaupt bei uns macht und ob sie nicht besser zu Hause bei ihren Eltern sei. Unter Umständen hat Narek jetzt Dru adoptiert. Ich möchte hier auf diese Umstände nicht weiter eingehen, nur dass mich sonst vermutlich ein weinendes Mädchen oder ein Blitz getroffen hätte…

Nach etwa weiteren zwei Stunden kam der Leuchtturm in Sicht. Abgesehen davon, dass wir etwa drei Stunden zu früh dran waren, sah dieser Turm nicht wirklich beeindruckend aus. Ein alter, verfallener Turm mit einer kleinen Hütte, falls man das noch Hütte nennen kann. Nachdem wir die alte Steintreppe zum Plateau des Leuchtturms erklommen hatten, sahen wir noch ein vermutlich ehemaliges Gemüsebeet, das sich die Natur mittlerweile schon zurückgeholt hat. Nach einem Blick in die morsche Hütte und etlichen Vögeln, die durch den unerwarteten Besuch ihre Hütte verlassen hatten, sahen wir nur Nester und morsches Holz. Währenddessen war ein komisches Knacken zu hören, als Kazan die Bretter von der vernagelten Turmtür abriss. Nach etwa drei Brettern stand Kazan vor der morschen Tür. Dann kam die Kazan-Methode. Einmal die Tür eintreten und, wen wundert es, morsches Holz und Gewalt ergeben ein Loch in der Tür. Eine dreckige Hose später und ein Drücken mit Gewalt an der ganzen Tür liess sie letztendlich samt Türrahmen nach innen fallen. Aufgeschreckt durch den Knall hat Kazan vermutlich alle neuen Bewohner, also Tauben und Möwen, verscheucht und sich als Dank dafür durch den aufgewirbelten Staub, gemischt mit Vogelkot, einen Niesanfall geholt. Danach war der Turm wirklich gänzlich leer von irgendwelchen Tieren. Im Turm selbst konnte man noch die löchrige Zwischenetage und die morsche Treppe erkennen, leider zu morsch, damit einer von uns hochklettern kann. Also erst einmal wieder zurück auf den Weg und Mittag machen. Kleine Notiz an mich selbst, nächstes Mal auch etwas zu trinken mitbringen, vor allem, wenn das so eine lange Reise ist. Leider hat Dru beschlossen, ihre Honigbrezel mit ihrem Kleid zu teilen, worin vermutlich ein guter Teil der Brezel jetzt an ihrem Kleid klebt.

Kazan meinte, ich gehe mal am Strand ein bisschen trainieren, wir haben ja noch Zeit. Lunella war mal wieder irgendwohin verschwunden und Stephanos schaute sich das morsche Haus weiter an. Dru, neugierig wie sie ist, ging Kazan hinterher, ein Kindergarten ohnegleichen. Ich positionierte mich so, dass ich zumindest alles ausser die abhandengekommene Lunella sehen konnte. Das Training von Kazan sah anfangs recht routiniert aus, jedoch waren die kleinen, handgrossen Flammenmännchen, die währenddessen um ihn tanzten, verstörend. Während seines Trainings flirrte die Luft immer mehr. Die Möwe, die währenddessen über Kazan geflogen ist, könnte man jetzt besser als Phönix bezeichnen, der brennend ins Meer stürzt. Nach gewisser Zeit tanzten Feuerrosen in der Luft um Kazan. Immer wieder gingen von ihnen kleine Feuerkugeln aus, die irgendwo in der Nähe einschlugen und dort, wo sie einschlugen, Feuer entfachten. Das Gras in der Nähe von Kazan war schon am Kokeln, und Glas unter seinen Füssen knirschte unter seinen schweren Schritten, als er immer schneller wurde und die Wärme, die er abstrahlte, immer mehr zunahm. Während seines, man könnte es auch Tanz nennen, auf dem Sand wurde das Glas unter seinen Füssen langsam schwarz und knirschte unter seinem Gewicht. Mit der Zeit wurde Kazan immer heller, sodass er mit dem Licht verschmolz und man seine Silhouette nicht mehr von dem Licht unterscheiden konnte. Mittlerweile leuchtete Kazan so hell wie die untergehende Sonne. Dru kam währenddessen zu mir und zog sich etwas von der Hitze zurück. Nach einer gefühlten Ewigkeit stürzte das Licht in sich zusammen und das ganze Spektakel war vorbei. Heraus trat nur eine schwarze Gestalt, unsere Sicht immer noch verschwommen von den Blicken in die zweite Sonne. Die Kreatur schlurfte langsam zu uns hoch. Dru hob die Hände, als würde sie das Wesen gleich ins Meer stossen wollen. Als das Ding dann endlich mit Kazans Stimme sprach, waren wir ein wenig erleichtert. Ich bin dann zu ihm hin, habe ihn in die Richtung gedreht und habe versucht, ihm zu erklären, dass das, was er getan hat, nicht einfach nur Training ist, sondern vermutlich eine Art Magie. Seine Antwort: Dann trainiert ihr nicht hart genug. Ich habe es noch ein weiteres Mal versucht, ihm zu erläutern, dass wir, wenn wir für die Konklave arbeiten, keine Aufmerksamkeit auf uns ziehen sollten und eine zweite Sonne, die aufgeht, sehr auffällig ist. Ende vom Lied, er hat es nicht verstanden. Immerhin hat er danach das schwarze Glas, auf dem er trainiert hat, unter Sand vergraben.

Danach sind wir, da es mittlerweile schon spät geworden ist und wir noch etwa eine Stunde bis 20:00 Uhr hatten, wieder zum Turm hochgestiegen. Lunella meinte dann, sie könnte ja mal den Turm hoch und schauen, was da so ist. Widerwillig habe ich ihr gesagt, ja, mach das, weil Dru und Lunella gesagt haben, sie ist gut darin. Stephanos sollte sich unter sie stellen, falls sie beim Klettern abrutscht, und sie auffangen. Sagen wir so, wenn jemand eine Wand hochlaufen kann, ist das anscheinend auch kein Kunststück mehr. Jedenfalls hätte man das ja mal sagen können. Wie sich jedoch herausgestellt hat, hat Lunella ein Problem mit dem Landen. Sie ist die Wand hochgelaufen und dann irgendwie ins Fenster rein. Das Ende vom Lied ist, es hat laut gepoltert, da sie beschlossen hat, ich nehme jetzt das halbe Mittelgeschoss und die Treppe mit. Dru sagte dann nur: „Naja, mit dem Landen hat sie halt schon immer Probleme.“ Wir sind hingeeilt. Zum Glück hat sie sich nur ein paar blaue Flecken und einen Riss in ihrem Kleid zugezogen. Nachdem ich sichergestellt hatte, dass sie auch wirklich keinen Knochenbruch oder Ähnliches hat, haben wir dann die restlichen 20 Minuten bis 20:00 Uhr gewartet.

Punkt 20:00 Uhr ging im Leuchtturm das Licht an. Sowohl aus dem Fenster in der Mitte des Turms ging das Licht an als auch das Leuchtfeuer. Der Turm, die Hütte als auch das Feld sahen aus wie nicht neu, aber in gutem Zustand. Als Kazan die Tür des Turms anfasste, war diese fest. Er klopfte kräftig dagegen und man hörte von drinnen irgendjemanden etwas murmeln. Dann, als würde jemand eine Treppe heruntersteigen, und ein Riegel wurde zur Seite geschoben. Nach dem Geräusch des Riegels war wieder alles wie vorher. Der Turm eine Ruine, die Hütte morsch und das Feld überwachsen. Wir warteten etwas, aber es passierte nichts. Wir gingen wieder ein Stück zurück, zu der Mauer, wo wir schon vorher gesessen und gegessen haben, weil Stephanos sich fast eingemacht hat wegen dem Phänomen. Stephanos und ich haben dann die Nachtwache gehalten, und bis zum Sonnenaufgang ist nichts passiert, ausser dass es arschkalt war und unsere Klamotten nun klamm sind.

Wir sind dann erst einmal zitternd Richtung Stadt gelaufen. Zum Glück war so früh am Morgen noch nicht viel los, weswegen wir schnell und mit einem freundlichen Gruss an den Wachen einfach nach Dippi reinkamen. Auf dem Weg zurück zum Glockenturm haben wir uns noch etwas zu trinken und Essen geholt. Am Glockenturm angekommen, öffnete Dru uns die Tür, als der kleine Zeiger auf 25 war. Hinter der Tür lag wie immer der Treppenabgang. Unten angekommen und durch die Tür getreten, war dort wie immer der Raum mit zwei Bewahrern und dem Sprecher. Ich bin zum Sprecher gegangen und habe berichtet. Er sagte, geht zu einem Bewahrer und berichtet. Ich tat wie befohlen und ging in den Nebenraum zu einem Bewahrer. Dru kam auch mit. Ich berichtete ihm über das, was wir erlebt und getan haben. Als ich fertig war, fragte ich, ob es Wissen über diesen Turm hier gibt. Er meinte, er sei nur ein Bewahrer und wüsste es nicht.

Ich bin dann zurück zu den anderen gegangen und habe sie runterkomplimentiert, damit sie sich nicht lautstark in der Gegenwart des Sprechers unterhalten und ihn stören. Unten angekommen, bin ich erst einmal ins Bad und habe mich frisch gemacht und meine Klamotten ordentlich weggehangen. Und bin dann vielleicht eingeschlafen. Dann wurde ich gewaltsam von Kazan geweckt, als ich gerade eingeschlafen war, mit den Worten: „Die Kutsche kommt um 3.“ Also, was er eigentlich sagen wollte, nachdem ich nachgefragt habe: Die Frau mit dem kalten Blick ist zwischenzeitlich gekommen und hat gesagt, dass eine Kutsche für uns um 15:00 Uhr kommt. Ich habe mich umgeschaut und festgestellt, dass alle anderen schlafen. Also habe ich Kazan erklärt, was 3 Uhr bedeutet und dass er uns um 14:00 Uhr wecken soll. Ich habe zwar versucht, wach zu bleiben, aber das Bett war einfach zu gemütlich. Kazan hat mich dann um 14:10 Uhr geweckt. Wieder mit seiner Methode, ich packe sein Bein und bewege es mal nach oben und unten, mit so viel Kraft, dass derjenige vom Bett abhebt. Nachdem ich wach war und auf die Uhr geschaut habe, habe ich angefangen, mich fertig zu machen, und Kazan gesagt, er soll die anderen wecken, damit ich nicht alleine die Freude von Kazans Weckmethode erleben darf. Nach wenigen Schreckensschreien später waren alle wach und ich erklärte die Situation und dass sie sich fertig machen sollten. Um 14:55 Uhr warteten wir vor der Tür auf eine Kutsche. Um 14:59 Uhr fuhr eine Kutsche vor und die Tür ging auf. Ich stieg zuerst in die Kutsche, drinnen sass die Frau mit dem kühlen Blick. Nach mir stiegen Dru und Lunella ein. Kazan stellte fest, dass er nicht in die Kutsche passt und draussen mitfahren muss, und ging wieder raus. Nachdem Stephanos eingestiegen war und die Tür geschlossen hatte, fragte die Frau, ob wir alles haben. Stephanos antwortete: „Für was?“ und nach ihrem Blick sagte er nur: „Ja, haben wir.“ Die Frau klopfte einmal gegen das Kutschendach und die Kutsche setzte sich in Bewegung.

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