Insolitus Botanicum

Insolitus Botanicum – Einleitung – Geschrieben von Myrtle Woods

Süd-östlich von Hyblyros irgendwo in den Bergen, liegt ein Talkessel gefüllt mit einem überaus interessanten Phänomen. Eine genaue Wegbeschreibung kann ich leider nicht geben, denn obwohl ich als treue Kundin der Gasse der Wünsche zumindest etwas Vertrauen der Dryaden gewinnen konnte, so wurde ich nur mit verbundenen Augen und leicht benebelt an diesen ach so fabelhaften Ort gebracht. Eine weitere Bedingung war die Akquise eines lebendigen Schweins, welches während der Reise auf meinem Schos zufriedend grunzte.
Das Knirschen der Räder auf dem Stein des uralten Bergpfades und das Pfeifen des Windes begleiteten uns eine gefühlte Ewigkeit, bis die Geräusche plötzlich einem Meer aus raschelnden Blättern, knarrenden Ästen und summenden Insekten wich. Der intensive erdige Duft wurde nur gelegentlich von einem klebrig süssen Geruch überlagert, der einem das Atmen erschwerte. Als meine Augen, endlich nicht mehr unter einer Lage Stoff gefangen, wieder das Licht der Welt erblickten, wurden sie überflutet von einer Welle aus Grün.

Die von mir einst als nackt und öde abgestempelten Berge versteckten einen wahren Dschungel aus Bäumen, Sträuchern, Gräsern, Blumen und Stauden – eine Auswahl davon in diesem Buch beschrieben. Die Klassifizierung aller dort ansässigen Arten würde vermutlich 1 bis 2 menschlicher Lebenszeiten kosten; die weitere medizinische Erforschung sogar vermutlich die eines Golems.
Meine dryadische Reiseleitung reichte mir einen Dolch, nachdem ich mich gefasste hatte und deutete zu meinem borstigen Begleiter mit einem Blick, der mir alles sagte und mir einen Schauer über den Rücken bescherte.

Kurze Zeit später verteilte sich das Blut wie ein See über dem Waldboden. Zunächst dachte ich, der Schock würde mir einen Streich spielen – aus den Augenwinkeln schienen sich die Wurzeln der Sträucher und Lianen zu bewegen. Erst als eine der riesigen Baumwurzeln krachend auf die Blutlache hinabknallte, wurde mir bewusst, was ich erblickte. Wie versteinert bleib ich stehen, als sich kleinere Ranken an meinen Beinen entlang hangelten und wie hölzerne Zungen nach den Blutspritzern leckten, die mich soeben trafen.
Das Rascheln des Waldes wurde lauter und rhythmisch. „Was führt dich hierher?“, formte sich in meinem Kopf aus dem Rascheln und Knarren. „Neugier“, platzte es aus mir heraus. Ein Gefühl der Freiheit überkam mich, wie damals, als ich als Kind meinen Frust über die See in Hyblyros schrie.
Einer der Büsche (ähnlich jasminum beesianum) zu meiner Linken brach aus einer Unzahl an Knospen blutrote Blüten hervor. „Meine Wurzeln fühlen Wahrheit in deinen Stämmen“ – erzitterte das Laub über mir. „Bleib bis zum nächsten Sonnenaufgang. Dann geh“. Die Dryade nickte mir stumm zu und verschwand daraufhin mit einer katzenartigen Eleganz in einem der Bäume (vermutlich eine malus-Art).
Als ich mich umdrehte sah ich wie einer der etwas ausgedünnteren Bäume auf mich zu wanderte und mir einen Ast entgegenstreckte. Ich reichte ihm meine Hand und stellte mich vor. Einen Namen erhielt ich nicht im Gegenzug, weshalb ich ihn hier als ficus bezeichne (aufgrund der feigenartigen Früchte und der distinkten Blattform). „Stell dich Mutter vor!“ verlangte ficus raschelnd und zog mich tiefer in den Wald.
Auf dem Weg drehten sich diverse Arten nach mir um; acer, quercus, selbst nepenthes scheinen hier zu gedeihen. Der Gedanke an eine menschen-grosse Kelchpflanze lähmte mich für kurze Zeit. Ein sanftes Flüstern im Dickicht erklang: „Hab keine Angst. Du bist nun Gast“.

Auf einer kleinen Lichtung ragte ein gigantischer verknoteter Baum in den Himmel hinauf (vermutlich sequoioideae). Sein alter war deutlich an der rissigen Rinde zu erkennen. Und eingebunden in der Rinde waren zweifellos Knochen erkennbar – Menschliche Knochen.
Dann platzte der Knoten in meinem Hirn…
All dies ausgelöst durch ein fehlgeschlagenes Ritual. Einen Sphärenwirbel, der nun von seinen Schöpfungen weiter genährt wird (vermutlich Rang 5? Genau kenne ich mich mit sowas nicht aus).
Die Flora dieses einzigartigen Lebensraumes werde ich nun zum Teil auf den folgenden Seiten katalogisieren.

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