Halbe Sachen

Es war eine sehr regnerische Nacht. Auf den Strassen war nicht viel los, das heisst nicht viele Möglichkeiten jemandem den Geldbeutel abzunehmen. So entschied ich mich zu sehen, ob es in einer unbewachten Lagerhalle etwas zu holen gab, das sich leicht zu Geld machen lässt. Ich sprang von Dach zu Dach, auf der Suche nach einer guten Gelegenheit und fand eine Lagerhalle, die tatsächlich unbewacht schien. Ohne Probleme hebelte ich das Dachfenster auf und liess mich geschickt in die Dunkelheit fallen. Von der ersten Sekunde an hatte ich das Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Meine Nackenhaare stellten sich auf. Kurz darauf konnte ich Blut riechen. Und dann bemerkte ich, dass ich nicht allein war.

Ich drückte mich dicht an eine Wand im Versuch, in der Dunkelheit nicht gesehen zu werden. Ich konnte die Person in der Dunkelheit nicht gut sehen, aber ich hörte Schritte klackern und als die Hintertür geöffnet wurde und Licht hereinfiel, konnte ich einen Blick auf sie erhaschen. Sie trug gute Kleidung, wie sie in den Slums eigentlich nicht zu finden war und etwas, das wie eine grosse Arzttasche aussah. Die Person verliess die Lagerhalle und liess die Tür offen stehen, sodass jetzt etwas Licht herein fiel. Und von dort, wo die Person gekommen war, schien auf dem Boden der Lagerhalle eine Art Muster auf den Boden gelegt worden zu sein. Aus weichen unförmigen Materialien, von denen ein starker Blutgeruch ausging. Ich versuchte, den verstörenden Anblick zu ignorieren und zu tun, für was ich gekommen war. Etwas wertvolles finden und dann raus. Aber ich wurde erneut unterbrochen. Von einem Stein? Der mich am Kopf traf. Und als ich nach oben sah, erschreckte ich mich. Vor einem Mädchen. Das einfach oben auf einer Kiste sass und auf mich herab sah. Ich meine, für mich kam sie quasi aus dem Nichts, da erschreckt man sich schon. Schlecht nur, dass ich dabei versehentlich in den ekelhaften Blutkreis trat. 

Das Mädchen, Druthwandyr, oder kurz Dru, wie ich später lernte, stellte mir einige seltsame Fragen. Wollte mir scheinbar die Zukunft voraussagen. Sie beantwortete wiederum keine meiner Fragen, machte mich aber darauf aufmerksam, dass es wohl nicht klug war an einem Ort zu bleiben, an dem gerade ein Mord passiert war. Also nahm ich sie mit in eines meiner Verstecke und wie sich herausstellte, war sie mir nicht zufällig begegnet. Ich weiss nicht warum aber aus dem was Dru erzählte, konnte ich schliessen dass sie mir seit Monaten heimlich folgte und mich beobachtete. Sie kannte meinen Namen, meine Routine und meine Verstecke. Warum hat sie sich jetzt entschlossen, sich mir zu zeigen?

Am nächsten Morgen, immer noch begleitet von meiner neuen unbekannten Klette, traute ich mich nicht wirklich, meinem täglichen Geschäft nachzugehen. (Ja stehlen). Ich wollte mit einem jungen Mädchen an der Seite nicht das Risiko eingehen, in Schwierigkeiten zu geraten. Also kaufte ich uns Frühstück und wir streiften durch die Strassen, bis wir wieder bei den Lagerhallen ankamen. Ich schätze es stimmt, wenn man sagt, ein Verbrecher kehrt immer zum Ort des Geschehens zurück. Ein Scherz.
Lederwesten schlugen Aushänge an den Lagerhäusern an. Sie suchten nach jemanden der Infos hatte zu einem Mord der letzte Nacht passiert war. Dru und ich diskutierten, ob es eine gute Idee war. Ich sagte nein. Sie sagte nein, doch ich hatte das Gefühl, sie meinte eigentlich ja. Und plötzlich lief sie auf einen Ork zu, der dabei war, Kisten zu verladen. Fragte ihn, ob er gern Infos hätte, um sie an die Lederwesten zu verkaufen. Wirklich, dieses Mädchen! Ich zog sie weiter, bevor sie zu viel ausplaudern konnte. Und langsam machte ich mir Gedanken, wie es mit ihr weitergehen sollte.

Ich ging mit ihr zu Narek. Einem Waideler, bei dem ich schon regelmässig Heilkräuter für erkrankte Strassenkinder besorgt hatte. Ich stellte ihm Dru vor und er versicherte mir, dass sie bei bester Gesundheit war. Und nach einem, mal wieder, sehr seltsamen Gespräch, enthüllte Dru uns, dass sie eine Wisp war. Eine Wisp! Eine Tochter des Schicksals! Eine verdammte Wisp, verfolgt mich seit Monaten! Kein Wunder, dass in letzter Zeit so viel schiefgeht. 

Als Reaktion auf diese Info, tat ich etwas, auf das ich nicht stolz bin. Ich lief davon. Ich rannte. Instinkte schätze ich.

Tatsächlich ein sehr schlechter Willenskraft-Wurf XD

Und nachdem ich mich etwas gefangen hatte, ging ich auch wieder zurück. Nicht dass ich vor dem Schicksal davonlaufen könnte. Ich kam also wieder bei ihnen an und auch Narek hatte die Info scheinbar verdaut. Jedenfalls beschloss Dru danach, Narek von unserem Fund letzte Nacht zu erzählen. Narek schien am meisten geschockt von der Tatsache, dass ich den Ritualkreis durchbrochen hatte, als ich hineingetreten war. Schlechte Neuigkeiten, besonders für mich. Aber ohne mehr Informationen darüber, was der Kreis eigentlich tun sollte, sah er keine Möglichkeit mir zu helfen. 

Was Lunella nicht wusste. Die Person im Lagerhaus war nicht die einzige, die letzte Nacht verstorben war. Narek hatte an diesem Morgen von einem Kräuterhändler erfahren, der ebenfalls unter mysteriösen Umständen das Zeitliche gesegnet hatte. 

Der Tote und sein Haus rochen nach frischem Brot und Sauerteig…genauso wie manche Pilze es tun.

Dem Toten wuchsen Pilze aus dem Körper und in seinem Haus war das Zimmer in dem er gelegen hat mit Pilzen überwuchert und dort wo die Leiche gelegen hatte, war jetzt ein leerer Bereich in Form des Körpers des Toten…wie bei einer Rasenfläche aus der ein Stück herausgenommen wird.

Unser Gespräch wurde unterbrochen von einem Ork, der aus etwas Entfernung Nareks Namen rief. Narek machte sich auf den Weg, ihm entgegenzugehen und Dru und ich folgten. Es handelte sich um denselben Ork, den Dru und ich an den Lagerhallen getroffen hatten. 

Bevor auch nur einer von uns fragen konnte, was los war, wurde der Ork von hinten angegriffen und verlor sofort das Bewusstsein. Die Angreifer sagten etwas davon, dass jemand getötet worden war und schleiften den Ork davon. Narek folgte, er schien den Ork in der Tat zu kennen. Neugierig, wie ich bin, blieb auch ich dabei und Dru blieb bei mir. Wir kamen zur Rückseite einer Taverne, in der Faustkämpfe zur Unterhaltung abgehalten wurden. Der Ork, Kazan, war ein Kämpfer, der beschuldigt wurde, vor dem Kampf seinen Gegner ermordet zu haben. Narek wurde hereingelassen, um sich den Toten anzusehen, doch Dru und ich mussten draussen warten.

Was zuvor geschah. Kazan fand seinen Gegner vor dem Kampf, scheinbar bis zum Oberkörper, im Boden versunken vor. Als er versucht hat, ihn herauszuziehen, riss er seinen Gegner in zwei und so war dieser sofort tot. Von seiner unteren Körperhälfte war keine Spur zu finden. Nur einen halben Leichnam, das auch was Narek vorfand. Was mit der unteren Körperhälfte passiert war, schien niemanden zu interessieren.

Während Dru und ich warteten, sahen wir wie ein weiterer Mann durch die Hintertür trat. Als er an uns vorbei ging, hörte ich seine Schuhe klackern und war sofort in die Nacht zuvor zurückversetzt. Ohne nachzudenken, stürmte ich an den Türstehern vorbei, bevor sie mich aufhalten konnten. Ich versuchte ihm nach zu schleichen, doch ohne Erfolg und als er plötzlich vor mir stand, konnte ich zum ersten Mal einen deutlichen Blick auf ihn werfen. Schon leicht ergrautes Haar, ein Schnurrbart, blaue Augen und er lächelte mich an. Ein freundliches Lächeln, aber mir lief ein Schauer über den Rücken. Mit der Ausrede, ich hätte mich verlaufen, machte ich mich wieder aus dem Staub. Und er liess mich. 

Wieder draussen erzählte ich Narek und Dru, dass ich glaubte, er könnte der Mann von letzter Nacht sein. Als er wieder herauskam, den Männern, die den noch immer bewusstlosen Kazan bewachten, etwas Geld gab, ihnen vorausging und sie ihm folgten. Kazan gefesselt auf einem Karren. Zu unserer Überraschung, brachten sie ihn zu den Lagerhallen. 

Plötzlich war Dru verschwunden und ich vermutete, dass sie den anderen in eine der Lagerhallen nach geschlichen war. Ich stieg auf das Dach des Lagerhauses und durch das Oberlicht, genau wie letzte Nacht. Dru konnte ich nirgends sehen, aber von einem hohen Regal aus beobachtete ich Kazan und den mysteriösen Mann. Seine Augen leuchteten Blau in der Dunkelheit.
Kazan war inzwischen wach und der Mann stellte ihm Fragen über den Vorfall und wem er davon erzählt hat. Ich hörte, wie der Mann eine Geschichte zu erzählen begann, in der Kazans Abend anders abgelaufen war. Dass er seinen Kampf gewonnen und er sich danach von dem Preisgeld betrunken hatte. Kazan wiederholte die Worte des Mannes, als wären sie die Wahrheit und verliess dann die Halle. Bevor ich mir zusammenreimen konnte, was ich da gerade beobachtet hatte, hörte ich die Worte. “Möchten sie noch herunterkommen, oder soll ich hochkommen?“