
Aufzeichnungen von Caelan Veyr, Adept der Luftaspektmagie und unabhängiger Forscher ungewöhnlicher Phänomene
Nachdem unsere Expedition den überwucherten Friedhof nördlich von Dippi erreicht hatte, begann eine systematische Untersuchung der örtlichen Anomalien. Das Gelände bestand aus zahlreichen alten Grabstätten, deren Alter aufgrund starker Verwitterung teilweise nur schwer zu bestimmen war. Besonders auffällig war das Nebeneinander einfacher Gräber und massiver Familienkrypten.
Bereits zu Beginn trafen wir auf einen Mann, der sich als Priester des Totengottes ausgab. Obwohl er vorgab, die Vorgänge auf dem Friedhof bereits seit mehreren Tagen zu beobachten, zeigte er sich bemerkenswert zurückhaltend mit Informationen. Rückblickend erscheint mir dieses Verhalten durchaus verdächtig. Damals beliess ich es jedoch dabei, ihn aufmerksam zu beobachten.
Nach seinem Aufbruch diskutierte die Gruppe verschiedene Hypothesen über die geöffneten Gräber. Dabei stellte sich erneut heraus, dass praktische Erfahrung und akademische Methodik nicht immer gleichermassen innerhalb einer Abenteurergruppe verteilt sind. Während einige bereits über umherlaufende Leichen spekulierten, konzentrierte ich mich zunächst auf überprüfbare Fakten.
Ein interessantes Nebenergebnis der Diskussion war die Entdeckung, dass die Hörner unseres taurischen Begleiters Wakhan im Bedarfsfall Licht abstrahlen können. Eine faszinierende biologische Eigenschaft, die einer näheren Untersuchung würdig wäre. Leider erwies sich Wakhan bislang als wenig kooperativ bei wissenschaftlichen Studien.
Da wir aus nachvollziehbaren Gründen auf den Erwerb umfangreicher Vorräte verzichtet hatten, kam bald die Frage nach Nahrung auf. Mein Vorschlag, erlegte Schafe auf Wakhans leuchtenden Hörnern zuzubereiten, wurde von Teilen der Gruppe erstaunlicherweise ernst genommen. Dies bestätigt einmal mehr meine Vermutung, dass Ironie ausserhalb akademischer Kreise nur begrenzt verstanden wird.
Im weiteren Verlauf untersuchte ich mehrere der geöffneten Gräber. Dabei stellte ich fest, dass die oberen Erdschichten trocken, die tieferen hingegen noch feucht waren. Unter Berücksichtigung der vorangegangenen Hitzewelle konnte ich daraus ableiten, dass die Gräber erst während der vergangenen Nacht geöffnet worden sein mussten. Narek überprüfte anschliessend unabhängig mehrere weitere Gräber und kam zu exakt demselben Ergebnis. Es ist immer erfreulich, wenn empirische Methoden zu reproduzierbaren Resultaten führen.
Während dieser Untersuchungen kam mir ein weiterer Gedanke von erheblicher praktischer Bedeutung. Angesichts unserer schwindenden Wasservorräte entwickelte ich die Idee, Trinkwasser durch Kondensation der Luftfeuchtigkeit zu gewinnen. Leider mangelte es der Gruppe entweder an geeignetem Vorstellungsvermögen oder an Verständnis für elementare physikalische Zusammenhänge. Mangels geeigneter Auffangbehälter musste ich die Versuchsreihe daher verschieben.
Die anschliessende Mahlzeit brachte eine weitere bemerkenswerte Erkenntnis hervor. Kazan präsentierte eine undefinierbare grüne Substanz aus seinem Rucksack, die möglicherweise einst Nahrung gewesen war. Wakhan kommentierte dies mit den Worten:
„Wenn der Rucksack anfängt sich zu bewegen, war das Essen wohl zu alt.“
Diese überraschend präzise Analyse liess mich kurzzeitig an meiner bisherigen Einschätzung der intellektuellen Fähigkeiten des Tauren zweifeln.
Während wir auf die Dämmerung warteten, beschlossen wir, möglichen Spuren der verschwundenen Toten zu folgen. Bei Einbruch der Nacht wurden wir erneut von dem vermeintlichen Priester angesprochen, der nun am Rand des Friedhofs ein Feuer entfacht hatte. Seine Beharrlichkeit, unsere Beweggründe zu erfahren, erschien mir zunehmend auffällig.
Die Antwort meines Begleiters Narek – wir hätten lediglich „Interesse an seltsamen Dingen“ – war zwar wenig informativ, aber überraschend zutreffend.
Kurz nach Sonnenuntergang begann schliesslich das eigentliche Phänomen.
Zunächst waren lediglich vereinzelte Kratzgeräusche zu hören. Dann brachen erste Hände durch die Erde. Wenige Minuten später beobachteten wir, wie sich auf dem gesamten Friedhof Leichen aus ihren Gräbern gruben.
Der Anblick war gleichermassen faszinierend wie verstörend.
Die Untoten waren unterschiedlich stark verwest und trugen teilweise noch ihre Grabgewänder. Nach vorsichtiger Schätzung bewegten sich zwischen zweihundert und dreihundert Exemplare über das Gelände. Sie sammelten sich in Gruppen, zeigten jedoch zunächst kein aggressives Verhalten.
Durch Befragung des Priesters gelang es mir, weitere Erkenntnisse zu gewinnen. Ein von ihm am Vorabend durchgeführter Versuch hatte ergeben, dass die Untoten durchaus den Friedhof verlassen konnten, jedoch nur unter besonderen Umständen. Daraus leitete ich die Hypothese ab, dass sie nicht direkt an den Ort gebunden waren, diesen jedoch nicht freiwillig verliessen.
Der Priester berichtete ausserdem, dass die Erweckungen offenbar vom Zentrum des Friedhofs ausgingen. Dort vermutete er die Ursache der Vorgänge – möglicherweise einen Lich oder eine andere Form unsterblichen Wesens.
Die Gruppe stand nun vor einer taktischen Entscheidung.
Während Kazan und Narek einen direkten Sturmangriff bevorzugten, wiesen Lunella und ich auf die offensichtlichen Risiken hin. Mehrere hundert Untote stellen selbst für erfahrene Abenteurer ein ernstzunehmendes Problem dar. Leider erwiesen sich rationale Argumente erneut als weniger überzeugend als übersteigerter Tatendrang.
Bevor die Diskussion beendet werden konnte, versuchte Lunella ihre Verwandlungsgestalt anzunehmen. Das Resultat war zwar beeindruckend, hielt jedoch nur wenige Augenblicke an, bevor sie bewusstlos zusammenbrach.
Lunella hat leider ein paar versuche gebraucht, um ihre Bestiengestalt anzunehmen. Jeder Versuch kostet MK (Magiekontrolle). Als sie sich endlich verwandelte, veränderten sich mit ihrer Bestiengestalt auch ihre Attribute (so wie immer). Während sie deutlich Stärker und Geschickter in ihrer Bestienform ist, sinkt ihre Willenskraft und somit auch die Menge an MK, die sie zur Verfügung hat.
Und sinkt die verfügbare MK auf 0, wird man bewusstlos…
Ich nutzte die folgende Wartezeit, um die Situation neu zu bewerten. Zu Forschungszwecken erwog ich kurzzeitig die Entnahme einiger Fellproben ihrer Verwandlungsgestalt, verwarf diesen Plan jedoch aus Gründen der Gruppendynamik.
Nach etwa einer Stunde Erholung war Lunella wieder einsatzbereit.
Damit begann die wohl ungewöhnlichste Angriffsoperation, die ich bislang beobachten durfte.
Wakhan lud den Priester auf seine Schultern, nahm sein überdimensioniertes Didgeridoo in die Hände und stürmte auf die erste Ansammlung Untoter zu. Bereits nach wenigen Schritten geriet der Vorstoss ins Stocken.
In diesem kritischen Moment reagierte ich blitzschnell.
Durch einen präzise dosierten Luftstoss verlieh ich Wakhan zusätzlichen Schwung und ermöglichte so den entscheidenden Durchbruch durch die erste Reihe der Untoten. Unterstützt durch Kazan und Lunella gelang es ihm anschliessend, genügend Geschwindigkeit aufzubauen, um weiter vorzudringen.
Dass einige Beobachter den Eindruck gewinnen könnten, die physische Unterstützung der beiden sei bedeutsamer gewesen als mein magischer Eingriff, ändert nichts an der offensichtlichen Tatsache, dass jede erfolgreiche Operation einen entscheidenden Impuls benötigt.
Und dieser Impuls kam von mir.
Während Wakhan auf eine blau leuchtende Krypta im Zentrum des Friedhofs zustürmte, kämpften Narek und ich unter erheblicher Anstrengung darum, Schritt zu halten.
Der eigentliche Höhepunkt folgte jedoch unmittelbar darauf.
Mit der Wucht eines Belagerungsramms durchbrach Wakhan die Tore der Krypta – und verkeilte dabei gleichzeitig sein Didgeridoo im Eingang. Der vermeintliche Priester wurde durch die plötzliche Verzögerung über den Kopf des Tauren hinweg geschleudert und landete im Inneren.
Nach mehreren weiteren Ereignissen, darunter ein teilweise einstürzendes Dach, ein erstaunlich motivierter Kazan und erhebliche Mengen aufgewirbelten Staubs, offenbarte sich schliesslich die Wahrheit.
Der vermeintliche Priester hob ein blau leuchtendes Buch auf, trank eine dunkle Flüssigkeit und erhob sich daraufhin durch die Öffnung im Dach in den Nachthimmel.
Damit war endgültig bewiesen, dass wir es von Anfang an nicht mit einem einfachen Priester zu tun gehabt hatten.
Während Lunella mit bemerkenswerter Entschlossenheit auf den fliehenden Verräter zusprang und Wakhan aus Gründen, die vermutlich nur Tauren verstehen können, begann, auf seinem Didgeridoo zu musizieren, sammelte ich meine magischen Kräfte.
Für einen Bücherwurm wie Caelan ist es natürlich verwirrend. Was er anscheinend nicht bemerkt hat, ist dass Wakhan mit seinem Lied die Fähigkeit „momento“ anwand und so die Verteidigung der Gruppe deutlich verbesserte.
Der Augenblick war gekommen.
Über uns erhob sich der falsche Priester mit seinem gestohlenen Buch.
Unter uns erwachten Hunderte von Toten.
Und ich bereitete mich darauf vor, einen Blitz in den Himmel zu schicken.



