
Ich war bereits in dem Lagerhaus und vermutlich sogar noch vor Lunella dort hinein gelangt. Gut versteckt hinter Kisten und so still, wie ich es nur selten bin. Versteckt genug, um nicht gesehen zu werden und dennoch nah genug, um jedes Wort zu hören. Ich sah Kazan und ich sah den Mann mit den blauen Augen, wie er Lunella bemerkte, sie vergessen und sie glauben liess, ihr Tag sei ereignislos gewesen. Sah, wie sie davon ging – vermutlich in eins ihrer Verstecke. Der Mann würde wohl auch Narek besuchen und ihn vergessen lassen. Meine Hoffnung war, die Erinnerungen wieder wecken zu können. Mit dieser Hoffnung für den nächsten Tag folgte ich Lunella. Erst schlafen.
Am nächsten Tag versuchte ich sie zu erinnern. Erst vorsichtig. Dann direkter. Namen, Orte, die Halle, der Mann. Nichts, ausser Blicken, die mich fragten, was mit mir nicht stimmt und das tat weh. Ich zerrte sie zu Narek in der Hoffnung, er könne sich irgendwie erinnern, doch er konnte nicht. Es ist schwer mit meinem kindlichen Aussehen und dennoch dem Verstand eines Erwachsenen ernst genommen zu werden. Würde ich zu Tränen neigen, wäre das wohl ein passender Zeitpunkt gewesen. Plötzlich tauchte ein Fischer auf – er wirkte sehr durch den Wind. Er schrie nach dem Waideler und sprach von einem Vorfall und von Leichen. Er ging vor und wir folgten, woraufhin er uns zu einer Hütte führte, bei welcher zwei weitere Fischer unruhig warteten. Als Narek nach seiner Untersuchung der Leichen begann von einem Fluch zu sprechen, suchten die Fischer unter Vorwänden das Weite, ausser einem: Stephanos. Wie er wohl reagiert hätte, wüsste er, dass eine Wisp hinter ihm steht?
Die Wisp sind ein geheimnisumwobenes Volk, schwer zu fassen wie der Nebel in der Morgendämmerung, flüchtig wie ein Lächeln im Traum. Sie kommen und gehen, ohne je wirklich gesehen zu werden – ein Hauch in der Luft, ein Wispern im Geäst, ein leiser Lichtschein zwischen den Bäumen. Wer ihnen begegnet, ist sich später oft nicht sicher, ob es nicht bloß Einbildung war. Und doch hinterlassen sie Spuren – nicht auf der Erde, sondern im Herzen jener, denen sie begegnen.
Ich versuchte erneut Nareks Erinnerungen zu wecken. An die mysteriöse Leiche von gestern und an Kazans Festnahme, sowie den Mann mit den blauen Augen. Wieder nichts. Das hatte so keinen Sinn, war frustrierend und unglaublich bedrückend. Ich mag Narek und ich mochte nicht, dass er sich nicht an mich erinnerte. Aber vielleicht musste ich sie nicht erinnern. Vielleicht musste ich nur jemanden finden, der sich anders erinnerte, denn mir glaubten sie nicht. Aber vielleicht jemandem, der nicht wie ein Kind mit zu viel Fantasie aussieht.
Kazan. Wir gingen zu ihm. Seine Erinnerung passte nicht zu der von Stephanos und beide passten nicht ganz zu dem, was ich erzählte. Ich sah ihre Zweifel, spürte ihr Misstrauen. Könnte ich lesen, so hätten Stephanos’ Stirnfalten mir wohl das Wort “Hexe” buchstabiert. Er hatte Recht. Ich klang wie eine Hexe. Ein Kind mit zu vielen Ideen. Und ich hatte keine Beweise. Ausser dem Mann mit den blauen Augen, der bisher immer dort erschien, wo Leichen waren. Ich überzeugte die anderen, mir noch ein weiteres Mal zu folgen – und an diesem Punkt weiss ich ehrlich nicht, wer von aussen gesehen verrückter ist: Das seltsame Mädchen mit den wahnwitzigen Geschichten…oder die anderen, die mir folgten. Wir gingen zurück zu der Fischerhütte und hatten Glück. Und Pech. Der Mann war dort, sah uns, ging in die Hütte und erwartete uns im Inneren. Er war höflich, sein Tonfall schwer zu lesen und sein Blick noch schwerer zu deuten. Vielleicht lag das auch an meiner Angst, denn ich hatte grosse Angst. Hoffentlich sah man das nicht oder wenigstens nicht zu sehr.
Eine Tochter des Schicksals, die Angst vor einem Menschen hat, ohne selbst so genau zu wissen wieso. Danke Mutter, diese Erfahrung brauchte ich unbedingt.
Es könnte vielleicht, vielleicht aber auch nicht ungefähr an dieser Stelle der Satz “Warum tust du mir das an, Mama?” an Jack (Spielleiter) gefallen sein 😀
Der Mann stellte uns vor die Wahl: Tod oder Vergessen – keine dritte Option – Warum? Warum keine dritte Option? Wir verhandelten. Vergeblich. Kazans Versuch der Einschüchterung endete mit zwei Schlägen – beeindruckende Schläge. Erneut die Frage: Tod oder Vergessen? Auf meine Gegenfrage, ob er, der Mann, mich am Vorabend gesehen habe, in der Halle, hielt er inne und fragte, für wen ich spioniere. Meine Antwort war einfach: Für niemanden, ich bin neugierig. Ich bot ihm an, mit seiner unheimlichen Fähigkeit meine Erinnerung zu prüfen…nicht dass er dafür auf meine Erlaubnis angewiesen wäre, doch er verzichtete und ignorierte mich.
Dann entschied er für die anderen: Vergessen. Einer nach dem anderen. Er befahl Lunella sogar ganz die Stadt zu verlassen. Dann waren da nur noch er und ich. An diesem Punkt hätte ich Tod gewählt. Ich hatte gerade alle verloren. Zum zweiten Mal. Aber er fragte nicht. Ich sagte ihm, dass ich eine Wisp bin, woraufhin er für einen Moment fast schon etwas resigniert, vielleicht auch erschöpft, wirkte. Dann ging er. Ohne Drohung. Ohne Wahl. Er war nun der Einzige ausser mir, der sich erinnerte. Ein letzter Halt für mich. Unauffällig, wie ein Windhauch, folgte ich ihm bis zu einem Gebäude, das ein wenig wie eine Mischung aus Kirche und Uhrenturm aussah. Hübsch und unheimlich. Er verschwand darin und ich konnte nicht folgen.
Also wartete ich.
8 Stunden.
So lange habe ich noch nie still gesessen.
Dann kam er wieder aus dem Gebäude und diesmal versteckte ich mich nicht. Ich grüsste ihn, doch er ignorierte mich und ging in eine andere Richtung. Ich folgte ihm erneut, dieses Mal offen. Irgendwann drehte er sich doch um und kam näher. Beugte sich zu mir herunter und war damit für mich das erste Mal auf Augenhöhe. Es war interessant, festzustellen, dass ich keine Angst mehr hatte vor ihm. Vielleicht einfach nur, weil er mir nichts mehr nehmen konnte, das mir wichtig war. Er machte mir ein Angebot: Wenn die anderen freiwillig den Weg mit ihren düsteren Erinnerungen, ihren Konsequenzen und Implikationen wählten, würde er ihnen die Erinnerungen nicht wieder nehmen. Mehr als das brauchte ich nicht. Der Mann gab mir eine Chance und bei Meldaria, ich würde sie nutzen!
Meldaria ist die Göttin des Schicksals, die Unsichtbare, die Weberin der Zeitfäden, die stumme Richterin inmitten aller Wege. mehr werden wir an diese Stelle nicht verraten
Seinen Namen verriet er mir auch auf meine Nachfrage nicht…aber ich weiss ja, wo ich ihn finde. Und das sehe ich als eine Einladung an.
Ich fand Lunella kurz davor die Stadt zu verlassen und fragte sie, welchen Weg sie wählen würde. Sie wählte ihre Erinnerungen und erinnerte sich tatsächlich. Zuerst war sie wütend auf den Mann mit den blauen Augen, dann fiel sie mir um den Hals. Die erste echte Umarmung meines Lebens und ich glaube, ich mochte sie.
Dann holten wir Narek – ja, mitten in der Nacht! Manche wichtigen Dinge können nicht warten. Und ich auch nicht.
Dann Kazan. Seine Mutter schlug ihn mit dem Hausschuh und riss Narek fast ein Ohr ab. Nach diesem Anblick verstehe ich einiges.
Ich glaube, Kazan will sich an dem Mann rächen und das lieber früher als später. Wahrscheinlich drücke ich ihm die Daumen, werde aber nicht eingreifen. Der Mann mit den blauen Augen tötet nicht einfach so und auch wenn er mir irgendwie immer wieder Angst macht, ist er höflich, selbst wenn sein Gegenüber es nicht ist. Kazan wird es schon überstehen…denke ich…
Stephanos war der Letzte. Er nahm alles hin – und wollte danach ernsthaft einfach fischen gehen. Manche Menschen sind…beeindruckend.


