Der Herda Hain

Etwas südlich des Ortes Herda liegt ein kleiner Hain, den selbst die Einheimischen meiden. Kaum jemand setzt freiwillig einen Fuss zwischen seine alten, dicht stehenden Bäume. In den Schankstuben erzählt man sich von Spukgestalten, geisterhaften Lichtern und Erscheinungen, die zwischen den Stämmen umherwandern. Manche behaupten sogar, dort lauere etwas weitaus Schlimmeres. Doch wer den Hain tatsächlich betritt oder gar die Unvorsichtigkeit besitzt, eine Nacht in seinem Schatten zu verbringen, erkennt bald, dass die Wahrheit noch seltsamer ist als jede Dorflegende.

Zunächst sind es nur Kleinigkeiten. Ein Rascheln dort, wo kein Wind geht. Ein leises Knacken hinter dem Rücken. Vielleicht ein Schatten, der im Augenwinkel vorbeihuscht und verschwindet, sobald man sich umdreht. Nichts, das sich nicht erklären liesse. Aber mit jeder Stunde wächst das Gefühl, nicht mehr allein zu sein. Irgendwann hört man Stimmen zwischen den Bäumen. Schritte auf dem feuchten Waldboden. Das entfernte Murmeln anderer Menschen, die sich ebenfalls im Hain befinden. Das wäre an sich kaum beunruhigend, doch wer ihnen schliesslich begegnet, wünscht sich oft, er hätte sie niemals gesehen. Denn diese Fremden tragen dieselbe Kleidung wie man selbst. Ihre Gesichter gleichen dem eigenen bis ins kleinste Detail. Selbst ihre Stimmen klingen vollkommen identisch. Ein Reisender, der einst die ganze Nacht dort verbrachte, berichtete später mit kreidebleichem Gesicht, er habe stundenlang mit sich selbst gesprochen. Nicht mit einem Geist oder einer Täuschung, sondern mit einem Gegenüber aus Fleisch und Blut, das jede seiner Erinnerungen kannte, jeden Gedanken zu Ende sprach und jede Frage beantwortete, noch bevor er sie gestellt hatte. Seine Geschichte war so überzeugend, dass viele Zuhörer lieber schwiegen, als darüber zu diskutieren.

Und dann gibt es noch die Geschichte von Herne, dem Holzfäller. Er war im ganzen Umland berüchtigt. Ein missmutiger, grimmiger Mann, der für jedes freundliche Wort zwei Beleidigungen übrig hatte. Niemand suchte seine Gesellschaft, und niemand vermisste sie. Eines Herbstabends soll Herne im Hain übernachtet haben. Als er am nächsten Morgen zurückkehrte, war er verändert. Seit jenem Tag ist er höflich, hilfsbereit und zuvorkommend. Er grüsst seine Nachbarn, hilft Fremden bei ihrer Arbeit und besitzt eine Geduld, die früher undenkbar gewesen wäre. Die Menschen mögen ihn heute sogar. Doch manche behaupten, der wahre Herne habe den Hain niemals verlassen. Manche behaupten, etwas anderes sei an seiner Stelle zurückgekehrt. Und wenn sie ihm in die Augen sehen, glauben sie manchmal für einen flüchtigen Augenblick, dort einen Fremden zu erkennen, der nur so tut, als wäre er der Mann, den sie einst kannten.

Sphäre Wasser + Körper, Stufe 3

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