Auf Dem Hügel-Stieg

Die Ältesten der Handelsgilde hatten mich davor gewarnt, Geschäfte im Dorf „Auf dem Hügelstieg“ zu machen. Doch das Angebot im Brief des Dorfältesten war einfach zu verlockend. Zugegeben, der Brief war etwas schwer zu lesen. Nicht wegen der Präzision seiner Handschrift, sondern weil seine Sätze… sagen wir: sprunghaft waren. Dennoch versprach der Handel einen gewaltigen Gewinn. Genug, dass ich mir endlich ein neues Gespann leisten könnte. Also luden Manfred und ich die bestellten Werkzeuge auf den Karren, spannten die rüstige Penelope davor und machten uns nach einem Abschiedskuss meiner liebsten Klaudia mit einem beherzten „Hüha!“ auf den Weg.

Etwa zwei Tage später erreichten wir den ersten Grenzstein des Dorfes. Der Weg zum Dorfzentrum erwies sich als beschwerlich. Einige Abschnitte waren mit wahrhaft meisterlicher Sorgfalt gepflastert und gepflegt, während keine zehn Schritt weiter die Strasse einer Kraterlandschaft glich. Ein Muster konnte ich darin nicht erkennen. Ich war allerdings auch zu sehr damit beschäftigt, einen Achsenbruch zu vermeiden. Auf der Suche nach dem Dorfältesten fragten wir einen jungen Burschen nach dem Weg. Dieser war völlig in seine Schnitzarbeiten vertieft. Um ihn herum lagen unzählige Holzblöcke verstreut. Manfred sprach ihn an, doch der Junge liess sich nicht von seiner Arbeit abbringen. Ich hob einen der Holzblöcke auf. Dann noch einen. Und noch einen. Es handelte sich keineswegs um einfache Holzstücke. Die Seite, die ich zunächst sah, war vollkommen unbearbeitet. Nicht einmal die Rinde war entfernt worden. Auf der anderen Seite jedoch prangten so detaillierte Schnitzereien, als wäre das Holz lebendig in diese Formen geschmolzen. In Metropetri liesse sich damit ein Vermögen verdienen, wenn die Arbeiten denn fertig wären. Als ich den Jungen auf einen Handel ansprach, meinte er nur: „Die mach ich später fertig. Ich hab gerade meine Inspiration gefunden.“

Also gut. Stören wir ihn nicht weiter. Der Dorfälteste war offenbar gerade unterwegs, um Holz zu holen. Das sollte uns recht sein, denn vor dem Ausladen wollten Manfred und ich erst einmal unsere grummelnden Mägen beruhigen. Aus dem Bauernhaus nebenan strömte ein herrlicher Duft. Nach einem höflichen Klopfen und etwas Geplauder bat uns die Bäuerin herein, nahm unsere Schüsseln entgegen und verschwand in der Küche. Manfred und ich setzten uns und beobachteten durch das Fenster das seltsame Treiben im Dorf. Eine ältere Frau trug einen grossen Eimer zum Brunnen, sprach dort kurz mit einem Jungen, der ihr beim Füllen half, und lief anschliessend wieder in die Richtung zurück, aus der sie gekommen war… allerdings ohne Eimer. Unserem Pferd Penelope wurden derweil bereits zum dritten Mal die Hufe ausgekratzt. Sie liess es geduldig über sich ergehen, da sie jedes Mal zuvor einen Apfel bekam.

Mein Magen riss mich schliesslich aus meiner Faszination. Ich stand auf, um nach unserem Essen zu sehen. In der Küche war die Bäuerin gerade dabei, einer Gans die Federn auszurupfen. Auf meine Frage nach dem Essen stand sie wortlos auf, deutete auf den Kessel, der über dem Feuer am Deckenhaken hing, sammelte die Federn in einem Korb und verschwand im Keller. Die halb gerupfte Gans blieb auf dem Boden liegen. Ich füllte unsere Schalen selbst, und der Eintopf war wahrlich köstlich. Das war eindeutig etwas wert, weshalb ich einige Münzen auf dem Tisch zurückliess. Frisch gestärkt machten wir uns wieder nach draussen, wo wir schliesslich dem Dorfältesten begegneten. Voll beladen mit Feuerholz bat er uns, ihm zu folgen. Ich weiss nicht, wie lang die Winter in diesem Dorf dauern, doch der Holzberg neben seinem Haus war gewaltig. Allerdings lag das gesamte Holz völlig ungeordnet herum. Ich sagte Manfred, er solle die Kisten mit dem Werkzeug holen. Nun konnte ich auch verstehen, weshalb unter anderem so viele Äxte bestellt worden waren.

Ein Gespräch mit dem Dorfältesten gestaltete sich schwierig. Nicht, weil er unfreundlich gewesen wäre, sondern weil er, genau wie in seinen Briefen, ständig von einem Thema zum nächsten sprang. Es war anstrengend und dauerte eine Weile, bis ich seinem Gedankengang vom morgigen Wetter zur aktuellen Steuerpolitik in Dippi folgen konnte. Weshalb mir das in diesem Moment völlig logisch erschien, kann ich bis heute nicht nachvollziehen. Als die Sonne längere Schatten warf, fragte ich mich, wo Manfred geblieben war. Diesen sonst so zuverlässigen Arbeiter fand ich schliesslich in der Nähe unseres Wagens, wo er Kieselsteine aufeinanderstapelte. Ein gezielter Tritt in den Hintern schien ihn wieder zur Besinnung zu bringen, und gemeinsam trugen wir die Werkzeugkisten zum Haus des Dorfältesten. Auf meine Frage, wohin die Lieferung solle, deutete er auf einen kleinen Schuppen.

Als ich die Tür öffnete, wäre ich beinahe von einer Axt erschlagen worden, die zusammen mit unzähligen ihrer Artgenossen aus dem Schuppen polterte. Wofür braucht ein Mann nur so viele Äxte? Ich wies Manfred an, den Karren reisefertig zu machen, und gesellte mich erneut zum Dorfältesten, um endlich die geschäftlichen Angelegenheiten zu klären. Das Gespräch verlief wieder äusserst wirr, und schon bald kündigte das Abendrot das Ende des Tages an. Kurz bevor ich mich auf den Weg zum Wagen machte, um Manfred gegebenenfalls erneut vom Steinesammeln abzuhalten, rief mir der Dorfälteste noch hinterher, dass er bei der nächsten Bestellung unbedingt Äxte brauche… Ja, natürlich.

Es dauerte einige Zeit, bis mein Kopf wieder normal funktionierte. Immer wieder ertappte ich mich dabei, etwas anzufangen und nicht zu Ende zu bringen. Und erst, als ich wieder zu Hause ankam, fiel mir das Wichtigste auf:

Ich hatte vergessen abzurechnen!

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